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Polizistinnen und Polizisten im Social Web:
Ein Erfahrungsbericht von Patrick Jean, ICoP der Stadt Zürich

 

Ein Blogbeitrag des staatslabor anlässlich der staatskantine #7 vom 1. März 2018.

Lieber Patrick, wir freuen uns sehr, dass du am nächsten Donnerstag bei uns in der staatskantine zu Gast sein wirst. Und wir sind nicht die Einzigen: Die Ankündigung unseres staatskantine-Themas für den Monat März wurde mit besonders viel Begeisterung aufgenommen. Wie erklärst du dir dieses Interesse für die Idee der Polizei in den sozialen Medien?

Das Thema Polizei ist eines, das fast alle Menschen in irgendeiner Form berührt. Wenn es um die Polizei geht, hat wohl jedes Mitglied unserer Gesellschaft eine Meinung. Sie ist kaum jemandem völlig egal. Schliesslich ist sie das sichtbarste Kontrollorgan unseres Staates und hält die Staatsgewalt inne. Sie ist verantwortlich für die öffentliche Sicherheit in unserem Land. Insofern hat die Polizei einen kleinen Startvorteil beim Erschliessen der Sozialen Medien, da dem Thema eine gewisse Grundrelevanz für die Community zu eigen ist. Ich denke ausserdem, dass zumindest im digital-affinen Teil der Gesellschaft das Bedürfnis besteht, dass der Staat mit den gesellschaftsverändernden Auswirkungen der Digitalisierung mindestens mitgeht. Wenn ein so sichtbarer Teil des Verwaltungsapparates sich in diese Richtung bewegt, wird das wohl deshalb grundsätzlich positiv aufgenommen.

Gibt es dennoch auch Personen, welche dies weniger gern sehen? Falls ja, welche Gründe geben sie dafür an?

Klar gibt es auch vereinzelt Stimmen, die beispielsweise Aktivitäten auf Social Media auf Kosten der Steuerzahler grundsätzlich kritisch gegenüber stehen. Es kann auch mal Diskussionen über Sinn und Unsinn eines konkreten Einsatzes geben, den wir aus der Polizeiarbeit zeigen. Geäusserte Kritik ist grundsätzlich ein gutes Zeichen, denn solche kann man in die weitere Entwicklung der Polizeiarbeit einfliessen lassen. Auch die Polizei kann und muss nicht alle Wünsche aller User erfüllen. Es ist aber sehr wichtig, jeden einzelnen Menschen hinter einem Kommentar oder Posting ernst zu nehmen und diesem auf Augenhöhe zu begegnen. Eine offene, authentische und transparente Kommunikation ist zentral für das Bestehen in der Dialogkultur der sozialen Medien.

Die Art, wie du dich online mit Menschen unterhältst, präsent bist und intervenierst hat sicher viele Gemeinsamkeiten mit deiner Arbeit vor Ort – aber wohl auch einige Eigenheiten…?

Richtig. Wir versuchen ja auch nicht, die Polizeiarbeit neu zu erfinden.
Einerseits übernehmen wir bewährte Vorgehensweisen in den digitalen Raum. Wo wir Situationen begegnen, die es so im „Real Life“ nicht gibt, suchen wir Parallelen und lehnen uns an die bewährte Praxis an. In solchen Fällen besprechen wir das geplante Vorgehen zuerst im Team und anschliessend mit den allenfalls involvierten Fachdiensten. Ein gutes internes Netzwerk ist aufgrund der Interdisziplinarität und der teilweise neu zu beschreitenden Wege sehr wichtig.
Andererseits versuchen wir die Möglichkeiten, die uns die Vernetzung über die sozialen Medien bietet, unterstützend für die alltägliche Polizeiarbeit einzusetzen. Zum Beispeil um Personen zu kontaktieren, die man sonst nicht erreichen kann, um mitzubekommen, wenn sich die Community über ein polizeirelevantes Thema unterhält oder auch schon, um zwischen rivalisierenden Cliquen von Jugendlichen zu vermitteln.

Kannst du uns ein oder zwei konkrete Beispiele nennen, bei denen die Nutzung sozialer Medien einen erheblichen Beitrag zum Erfolg eines Einsatzes geleistet hat?

Es gilt zwischen Korps-Auftritten und persönlichen Präsenzen zu unterscheiden.

Persönliche Präsenzen können vor allem im Community Policing einen erheblichen Beitrag leisten. So konnten wir über den Facebook-Messenger einen Beschuldigten erreichen, der nachdem man ihn über Monate nicht erreicht hatte wegen eines geringfügigen Delikts zur Fahndung ausgeschrieben worden wäre. Er konnte rasch einen Termin für die Befragung vereinbaren und so ein unliebsames Erwachen bei der Einreise nach seinem längeren Auslandaufenthalt vermeiden. Aus polizeilicher Sicht war der Einsatz ein Beitrag an die Verhältnismässigkeit des Aufwands in der Abwicklung dieses geringfügigen Falles.
Ein weiteres Beispiel ist ein Fall, bei dem Jugendliche auf einem Friedhof dutzende Grabsteine umgeworfen hatten. Das Ereignis wurde mit einem Post auf einem persönlichen Profil thematisiert. Durch die sehr lokale Vernetzung und den persönlichen Charakter des Posts gelang es, den Vorfall zum Quartiergespräch zu machen. Man konnte die Tat leider niemandem konkret zuordnen, aber bei den beteiligten Jugendlichen klar anbringen, dass solche Taten von der Gesellschaft nicht akzeptiert werden. Anstatt sich mit dem übertriebenen Unfug brüsten zu können, mussten die Beteiligten sich vor ihren Kollegen dafür entschuldigen. Einige Jugendliche taten dies stellvertretend für die Beteiligten sogar spontan gegenüber im Quartier patrouillierenden Kollegen. Polizeiarbeit ist nicht alleine auf die Erfassung einer Täterschaft beschränkt. Die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung kann unter Einbezug der sozialen Medien einen Mehrwert für das gesamte Sicherheitsgefüge bewirken.

Und die Korps-Auftritte?

Die direkte mediale Begleitung von Einsätzen, um allenfalls deren Verlauf zu beeinflussen, gehört auf die Stufe der Einsatzleitung und somit auf den Corporate-Account. Da gibt es mittlerweile diverse Beispiele aus dem In- und Ausland, wo die direkte Kommunikation mit der Bevölkerung half, aufkeimende Gerüchte unmittelbar klar zu stellen oder beispielsweise Menschenansammlungen an heiklen Örtlichkeiten zu vermeiden. Für individuell in den sozialen Medien agierende Polizisten bieten konkrete Einsätze unter Umständen die Möglichkeit, durch persönliche Einblicke in die Arbeit für Sichtbarkeit in ihrer Community zu sorgen und den Menschen hinter der Uniform zu zeigen. Das braucht jedoch ein klares Rollen- und Wirkungsbewusstsein. Auch ein gutes Verständnis für die taktische Lage sowie ein hohes Vertrauen von der Einsatzleitung sind dafür unabdingbar. Dies sollte alles sorgfältig erarbeitet werden, bevor man in dieser Form online aktiv wird.
In der Schweiz zögern viele Verwaltungen damit, neue Methoden und Tools auszuprobieren. Was denkst du, dass sie von den in Zürich gemachten Erfahrungen lernen können?

Ich denke, das Zögern hat mit einem gesellschaftlich verbreiteten Anspruch an Perfektion zu tun. Dieser macht allerdings auch vor Zürich nicht Halt. Neue Lösungen werden in der Schweiz oft erst eingeführt, wenn man sich sicher ist, dass sie funktionieren. Etwas mehr Mut wäre da wohl nicht fehl am Platz. Wir sollten uns mehr auf die Chancen fokussieren, als auf die Risiken. Eine Spur mehr Nelson Mandela, der sagte: „I never lose. I either win or learn.“
Was in Zürich mit ICoP gelungen ist, ist der Blick über den Tellerrand nach Finnland und dass der Mut aufgebracht wurde, dies zu versuchen. Es gibt aber auch innerhalb der Schweiz Entwicklungen, die zu verfolgen sich lohnt. Für die Polizei zum Beispiel der WhatsApp-Kanal der Kantonspolizei Zürich oder die Quartierpolizisten der Stadt St. Gallen, die über ihr Quartier bloggen und persönlich via WhatsApp erreichbar sind.

 

Patrick Jean (35) absolvierte von 2007-2009 die Polizeischule der Stadtpolizei Zürich und arbeitete anschliessend im Streifenwagendienst in Zürich-Oerlikon, wo er diverse nebenamtliche Tätigkeiten innerhalb seines Korps ausübte. Im Jahr 2015 war Jean an der Adaption eines finnischen Konzepts persönlicher Online-Präsenz von PolizistInnen an die Bedürfnisse der Stadtpolizei Zürich beteiligt. Im Rahmen eines Pilots startete er persönliche Social-Media-Präsenzen als Polizist auf Facebook und Instagram. Die positiven Erfahrungen führten zur definitiven Einführung des Internet Community Policings (kurz: ICoP) bei der Stadtpolizei Zürich. Jean setzte sich 2017 im Rahmen einer Weiterbildung in Social Media Management mit der Betrachtung des Social Web als öffentlichen Lebensraum und der Frage nach entsprechendem Bedarf an sichtbarer Polizeipräsenz im digitalen Raum auseinander.

alenkabonnard

alenkabonnard

Alenka hat in Lausanne, Genf, Berlin und Paris studiert, ist ausgebildete Juristin und auf die Bewertung öffentlicher Politik spezialisiert. Sie verfügt über mehrjährige Arbeitserfahrung in der Strategie- und Innovationsberatung für grosse Gruppen, Stiftungen und verschiedene öffentliche Einrichtungen. Im staatslabor trägt sie die Gesamtverantwortung für alle Aktivitäten und Partnerschaften und kümmert sich um Strategie und Entwicklung der Organisation. Alenka hat grosses Interesse an Bürgerbeteiligung, Innovationskultur und Design von öffentlichen Diensten und öffentlicher Politik.