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«Warum stimmen eigentlich so wenige junge Menschen ab?» Das fragt sich auch Fanny Ernst und will es gleich ändern. Seit einigen Wochen richtet sie sich deshalb regelmässig an einem der sonnigen Tische im Impact Hub Bern ein und arbeitet an ihrer Vision: Mit gutem Design und klarer Kommunikation mehr Menschen an die Urne bringen. Dazu tüftelt sie an einer Art Abstimmungsmagazin mit dem Titel «Meine Damen und Herren».

Diese Idee brütete schon einige Jahre in ihr. Doch richtig Form nahm sie erst an, als sie vor eineinhalb Jahren frisch nach Bern kam, um an der Hochschule der Künste einen Master in «Design Entrepreneurship» zu absolvieren. In ihrem Rucksack hatte sie die Eindrücke aus ihrer Heimatstadt Genf und ihren Reisen und Praktika in Kalifornien und Berlin. Hinzu kamen fast sieben Jahre Erfahrung als Grafikdesignerin in einer kleinen Agentur in Zürich. Doch immer mehr spürte sie eine Begeisterung und ein Interesse für Politik. Und eben: Eine gewisse Frustration über die geringe Wahlbeteiligung in der Schweiz.

 

Trockenes Abstimmungsmaterial

Vor der frühlingshaften Greenwall in der belebten Lounge erzählt sie von ihrem Masterprojekt, das sie im Rahmen des MA Design an der HKB in Bern entwickelt hat. Sie designte ein Magazin, das Menschen zum Abstimmen bewegen sollte. Wenn vier Mal im Jahr das Abstimmungsbüchlein in ihren Briefkasten flatterte, fragte sie sich: «Warum sieht das eigentlich alles so trocken aus?» Doch beim Fragen blieb es nicht; stattdessen forschte sie nach, führte Gespräche und recherchierte.

Was sie herausfand, war vielfältig und typisch schweizerisch – im guten wie im schlechten Sinn. Auf keinen Fall solle das Abstimmungsmaterial den Anschein machen, als habe man in Bundesbern Geld, um visuell ansprechende Broschüren zu gestalten. Und gleichzeitig müsse alles so neutral daherkommen wie das graue Recyclingpapier auf dem es gedruckt ist. «Es gibt den Auftrag, zu informieren, nicht zu interessieren», erklärt Fanny.

Das macht durchaus Sinn. Und trotzdem: Bei allen, die sich nicht ohnehin für die Abstimmung interessieren, wandert das Material gleich wieder im Altpapier. Für Fanny liegt das daran, dass sich viele Schweizer*innen gar nicht wirklich betroffen fühlten. Und vielen sei wohl gar nicht so richtig bewusst, wie privilegiert wir in der Schweiz sind. Fast nirgends gibt es ein so tief verankertes demokratisches Mitspracherecht. Und vielerorts gibt es gar keines.

Gerade darum will sich die 31-jährige für eine breite Kultur der Beteiligung einsetzen. Das geplante Magazin soll darum rechtzeitig zu den Abstimmungen weniger über den Inhalt der Abstimmungen informieren. Vielmehr soll es die Leute überhaupt motivieren, sich mit dem Thema zu befassen und von ihrem Stimmrecht Gebrauch zu machen. Viele Bilder aus aller Welt und knappe Erklärungen der wichtigsten Konzepte begleiten die Erläuterungen der einzelnen Vorlagen. «Die Leute sollen sich freuen, dass es jetzt ums abstimmen geht», meint Fanny.

 

Echte Community

Einen ersten Entwurf hat sie bereits für ihren Masterabschluss Anfang 2018 erstellt. Damit stiess sie auf offene Ohren und interessierte Augen. Die Berner Design Initiative – bei der auch das Impact Hub Bern beteiligt ist – wählte ihr Projekt aus und unterstützte es. Seither darf sie im Impact Hub arbeiten. Das gefällt ihr sehr. «Es gibt hier eine positive Stimmung mit Neugier und Freude», erklärt sie. «Ich sehe keine Konkurrenz und keinen Ideenkampf, sondern eine echte Community.» Noch muss sie sich ein bisschen einleben, aber sie will unbedingt neue Menschen kennenlernen und auch von all den vielen Events Gebrauch machen. Denn: «Alleine kann ich das nicht schaffen», sagt sie. Je mehr Feedback, desto besser. Da ist sie im Impact Hub natürlich bestens aufgehoben.

Noch ist das Ganze in der Planungs- und Finanzierungsphase. Im nächsten Jahr soll das Magazin dann mit vier Ausgabe testweise starten. Dafür will sie unbedingt auch mit anderen Menschen zusammenarbeiten, die sich für Journalismus, Kommunikation und Politik interessieren. Am 25. April stellt sie das Projekt in Zürich vor (Ort und Zeit folgen noch) und am 27. Juni wird sie im Rahmen der Berner Design Initiative im Impact Hub über ihre Fortschritte sprechen. Zwei gute Gelegenheiten, um sich mit ihr auszutauschen.