Erstmal richtig frühstücken: Laut Raphaël ist das für einen guten Start in den Tag entscheidend. Danach kann er sich seinen zahlreichen Pflichten widmen. Eine davon ist das Verfassen des Global Entrepreneurship Monitor, andererseits ist er verantwortlich für den Masterstudiengang Entrepreneurship bei unserer Partnerin, der Hochschule für Wirtschaft Fribourg (HSW-FR).
Der Global Entrepreneurship Monitor (GEM) ist ein weltweites Forschungsprojekt zum Thema Unternehmertum, in der Schweiz wird die Datenerhebung dazu von einer Forschungsgruppe an der HSW-FR durchgeführt. Die nationalen Ergebnisse des GEM werden diese Woche veröffentlicht. Raphaël Gaudart, Verantwortlicher für die qualitative Portion des Reports, den National Expert Survey (NES), gibt uns einen kleinen Sneak Peak – in seinen Alltag und die erstaunlichsten Ergebnisse des GEM 20/21.
Raphaël, merci, dass du dir heute Zeit für dieses Interview genommen hast. Hattest du eine guten Tag bis jetzt?
Ja, wie jeden Tag startete ich auch den heutigen mit einem feinen Frühstück. Das ist für mich die Mahlzeit des Tages. Dann habe ich am GEM, dem Global Entrepreneurship Monitor, weitergeschrieben und musste Prüfungen korrigieren. Ausserdem hatte ich einen Austausch für unsere Masterstudierenden mit einer Klasse aus Boston organisiert, der letzten Samstag abgeschlossen wurde. Nun hatten wir heute das letzte Debriefing… also eine volle Woche.
Ja, das klingt nach einem ziemlich intensiven Programm. Wer bist du? Beschreibe dich selbst mit drei Worten.
Aufgestellt, Macher und Spass-muss-trotzdem-sein.
Zur Person: Nach einem Bachelorabschluss in Betriebsökonomie an der HSW Fribourg hat Raphaël einige Jahre in der Baubranche gearbeitet. Später entschied er sich dazu, mit einem Master in Business Administration weiterzubilden und kehrte dafür an die HSW zurück. Während seinem letzten Master-Studienjahr hat er ein Startup im Bereich nachhaltiger Beton gegründet. Das Angebot an der HSW, die Verantwortung des Masterstudiengangs Business Administration zu übernehmen, initiierte seine berufliche Laufbahn an der HSW, wo er kontinuierlich in grössere Projekte involviert wurde, beispielsweise ins GEM-Projekt. Heute unterrichtet Raphael im Bachelor unterschiedliche Fächer im Zusammenhang mit Entrepreneurship und ist seit September 2020 in der Direktion der HSW. Er ist ein selbsternanntes «HSW-Produkt», wie er im Interview lachend erzählt. Nebenbei startet er gerade mit seinem neuen Projekt Simon&Josef durch.
Denkst du ab und an noch an dein Startup? Spielst du manchmal mit der Idee, es noch einmal zu versuchen?
Dass wir unser Startup nach eineinhalb Jahren schliessen mussten, war für mich eines meiner grössten Learnings. Und dieses teile ich gerne mit meinen Studierenden. Doch dieses Feuer ist definitiv noch nicht erloschen. Das erste Startup lodert noch in mir, aber die momentanen Umstände erlauben es mir nicht, diese Idee weiter zu spinnen. Dies weil ich letzten Frühling ein anderes Startup gegründet habe. Wir waren damit auch im Impact Hub beim letzten lia award dabei. Da reichte es zwar nicht fürs Finale, aber es war trotzdem sehr eine coole Erfahrung. Die ganze Startup-Geschichte liegt mir. Mit diesem neuen Startup in der Hotellerie-Branche wollen wir nun das Momentum nutzen, um richtig durchzustarten.
Sehr spannend, denn auch in meinem letzten Interview wurde erwähnt, dass die Pandemie auch neue Chancen für Gründungen geschaffen hat – mehr dazu später. Wie erwähnt bist du Teil des Forschungsteams des Global Entrepreneurship Monitor (GEM) Schweiz. Was ist das genau?
Der GEM ist ein weltweites Konsortium. Es gibt 45 Länderteams, die jährlich Daten im Forschungsfeld Entrepreneurship erheben. Da gibt es zum einen eine quantitative Datenerhebung – pro Land müssen minimum 2000 Datensätze quantitativ erhoben werden – und zum anderen qualitative Interviews, von welchen pro Land 36 durchgeführt werden. So kommt man auf knapp 150 000 Interviews pro Jahr und unzählige Vergleichsmöglichkeiten zwischen den verschiedenen Ländern, da die Art der Datenerhebung in allen Ländern gleich ist. Den GEM gibt es seit 1999 und seither konnte man durch ihn einen enormen Wissensschatz aufbauen.
Dass wir unser Startup nach eineinhalb Jahren schliessen mussten, war für mich eines meiner grössten Learnings.
Wie ist der GEM methodisch und strukturell aufgebaut?
Es gibt einen quantitativen Teil, den Adult Population Survey (APS) und einen qualitativen Teil, den National Expert Survey (NES). Der qualitative Teil enthält neun Kategorien, die von von Finanzexpert*innen, über Institutionen, Infrastruktur, Regierung bis hin zu Akademia gehen. Darin geht es um die Kontextualisierung der Länder. Des weiteren ist die Gegenüberstellung der quantitativen und qualitativen Auswertung interessant um zu sehen, ob sich diese überschneiden oder widersprechen.
Normalerweise sind die Resultate sehr konstant. Mit Ausnahme der Schweiz, Mexiko und Spanien haben die Mitgliedsländer noch nie mehr als 0.5 Punkte im NES gewonnen oder verloren. Die Schweiz ist jedoch im internationalen Ranking vom ersten Platz in den letzten zwei Jahren auf den dritten, und dann auf den 10. Platz zurückgefallen. Wir sind momentan dabei, nach möglichen Gründen für diesen Rückfall zu suchen.
Was hat dich an diesem Projekt fasziniert und motiviert, Teil davon zu werden?
Ich denke, es ist das Zusammenspiel zwischen Forschung, bei der man probiert, Dinge zu hinterfragen, herauszufinden, was die Gründe hinter einer bestimmten Beobachtung sind, und Alltag, wo man versucht, diese Erkenntnisse umzusetzen. Das fasziniert mich. Deswegen ist ein wichtiger Punkt des GEM auch, Empfehlungen für Policymakers abzugeben – was sie erreichen müssen, woran sie sich orientieren können.
Hast du ein konkretes Beispiel, wie die Erkenntnisse des GEM umgesetzt werden?
Der GEM ist sehr medienwirksam, wodurch wir Kontakte mit innosuisse und mit dem Swiss Economic Forum aufbauen konnten. Die Themen Entrepreneurship und KMU sind dort sehr aktuell. Und innerhalb des GEM gibt es pro Jahr jeweils ein Special Focus Topic. So konnten wir zusätzliche Sponsorships aufbauen, welche wir datenbasiert beraten.
Was sind die diesjährigen GEM-Ergebnisse, die dich am meisten erstaunt haben?
Die «Fear of Failure» hat sehr stark zugenommen, von 24% auf 33%. Die «Business opportunity recognition» war dieses Jahr bei 26%, im Vergleich zu 40% letztes Jahr. Viele dieser Findings sind auf die Covid-Pandemie zurückzuführen. Eine weitere spannende Erkenntnis wird in der Total Entrepreneurial Activity (TEA) ersichtlich. Da waren wir 2019 bei 9.8% unternehmerischer Aktivität der Befragten (TEA), aufgeteilt nach Geschlecht sind es 7.3% der weiblichen und 12.3% der männlichen Befragten. Letztes Jahr sieht das etwas anders aus: 9.2% TEA, nach Geschlecht 8.7% weiblich und 9.8% männlich. Trotz absoluter Abnahme hat also der Frauenanteil an der unternehmerischen Aktivität im letzten Jahr zu- und der Männeranteil abgenommen. Diese Erkenntnis hat das Focus Topic des GEM 2021/22 inspiriert: Women Entrepreneurship.
Jetzt nimmt uns natürlich wunder: Wo schneidet die Schweiz gut ab und wo eher schlecht?
Wo die Schweiz konstant gut abschneidet, ist beim Zugang zu Finanzen und Infrastruktur. Dort heben wir uns von der Konkurrenz ab. Was dazukommt, ist die erleichterte Bürokratie. Dass das Prozedere, um sich selbstständig zu machen, nicht mehr so ein riesen Papiertiger ist. In der Rubrik «Unterricht zum Thema Entrepreneurship» schneiden wir auf der Primarstufe sehr schlecht ab. Auf der zweiten Stufe, der Post-Education, ist das Angebot wiederum gut. Dazu kommt die Kultur der Misserfolge, die sich zwar verbessert hat, aber trotzdem noch vergleichsweise kritisch bleibt. Die Angst vor dem Scheitern ist nach wie vor da, und hat dieses Jahr noch einmal enorm zugenommen, nachdem wir letztes Jahr auf einem guten Weg waren. Das hat bestimmt auch mit der Pandemie zu tun.
Im Vergleich zu anderen Ländern sind wir nicht «necessity-driven»: Wir müssen nicht. Deshalb ist wahrscheinlich auch die «opportunity recognition» tiefer als in anderen Ländern.
Denkst du, dass das eine Suche nach Sicherheit ist?
Ja, bestimmt einerseits. Aber andererseits muss man die Katze aus dem Sack lassen und zugeben, das wir halt in der Schweiz sehr gute Anstellungsbedingungen haben. Deshalb stellen sich noch mehr Menschen die Frage: Wieso sollte ich mich selbstständig machen, wenn ich das gar nicht unbedingt brauche? Spätestens mit einer Weiterbildung habe ich oftmals einen sehr guten Lohn, im Verhältnis zur Selbstständigkeit. Aber klar, die Selbstständigkeit hat natürlich andere Vorteile: flexible Arbeitszeiten, Ortsunabhängigkeit, mehr Spielraum… aber im Vergleich zu anderen Ländern sind wir nicht necessity-driven: Wir müssen nicht. Deshalb ist wahrscheinlich auch die «opportunity recognition» tiefer als in anderen Ländern. Wenige sind bereit dazu, ihre Komfortzone zu verlassen.
Die Strategie kann ja wohl kaum sein, dass wir die Anstellungsbedingungen verschlechtern. Siehst du eine andere Option, um diese Problematik der Angst anzugehen?
Ein steter Tropfen höhlt den Stein. Je mehr wir über das Thema Entrepreneurship reden, je mehr Fail Nights wir veranstalten, je mehr Finanzinstitutionen und Banken wir in die Diskussion mit einbeziehen und ihnen klarmachen, dass Fehler vor allem Lernmöglichkeiten sind, desto mehr Menschen werden den Schritt ins Unternehmertum wagen.
Doch dies braucht Zeit. Wir wollen eine Kultur erreichen, in der Fehler respektiert werden. Dafür braucht man Institutionen, die das Thema gezielt ansprechen, wie zum Beispiel der Impact Hub oder Startup-Inkubatoren, und den Wandel antreiben. Der GEM zeigt auch schon, dass es eine Tendenz vom money-driven zu einem value-driven Unternehmertum gibt. Beim Schritt in die Selbstständigkeit geht es immer mehr Menschen darum, einen Beitrag für eine bessere Welt zu leisten und nicht einfach Geld anzuhäufen.
Das beruhigt mich. Denn im Buch Utopia for Realists von Rutger Bregman lese ich aktuell, dass wir in unserem relativen Wohlstand – geschichtlich gesehen – die Utopie, die Vision verloren haben, in welcher Welt wir leben und worauf wir hinarbeiten möchten. Aber du scheinst ja hier eine andere Tendenz festzustellen.
Ja, es gibt beispielsweise im GEM auch eine Kategorie «Family Business», welche im letzten Jahr wieder deutlich zugenommen hat. Hier wird auch ersichtlich, dass die Motivation, das Familienunternehmen zu übernehmen und somit der Wert der Weiterführung einer Tradition, wieder steigt.
Wieso ist Unternehmertum wichtig für Gesellschaft und Planet?
Um eine bessere Gesellschaft zu erreichen, ist jede*r mitverantwortlich. Und Entrepreneurship ist eine Frage des Mindsets. In einem Studium werden die Theorien und Tools vermittelt, die dich in der Entwicklung dieses Entrepreneurial Mindsets unterstützen – das ist unsere raison d’être. Etwa ein Drittel unserer Studierenden macht sich innerhalb von fünf Jahren nach Abschluss selbstständig. Es gibt eine Tendenz, dass viele bei Beginn ihres Studiums in grossen multinationalen Unternehmen arbeiten möchten und dann im Verlauf ihres Studiums sich wieder mehr am Regionalen orientieren – think global, act local. Wenn alle so denken würden, dann hat aus meiner Sicht Entrepreneurship einen riesigen Einfluss auf unsere Gesellschaft. Ein Unternehmen weiterführen und zu übernehmen ist aber ebenso wichtig, wie ein neues Startup zu gründen. Auch Mitarbeitende in grösseren Organisationen können unternehmerisch denken, das nennt man dann «Corporate Entrepreneur».
Ein Unternehmen weiterzuführen oder zu übernehmen ist ebenso wichtig, wie ein neues Startup zu gründen.
Was charakterisiert eine*n Corporate Entrepreneur?
Diese*r Corporate Entrepreneur, auch Intrapreneur genannt, ist die Person, die innerhalb einer Firma unternehmerisch handelt und denkt. Etwa indem sie Verantwortung übernimmt, hinterfragt, immer nach Verbesserungsmöglichkeiten sucht… kurz gesagt: Initiative zeigt und sich bewusst ist, dass denken gut, aber handeln noch besser ist. So kann jede*r Unternehmer*in werden.
Du bist ja selbst auch Unternehmer. Wenn du morgen die Finanzierung für ein Projekt deiner Wahl garantiert hättest, welche Idee würdest du umsetzen?
Ja, da ich momentan selbst an einem neuen Startup dran bin, ist die Antwort auf diese Frage für mich ziemlich klar (lacht). Mein Projekt Simon & Josef hat zum Ziel, das Hotelerlebnis zu individualisieren, indem du Ausstattung & Service deines gebuchten Zimmers im Vornherein anpassen kannst. So wird das Erlebnis nicht nur aus Gästesicht befriedigender, es werden auch Ressourcen eingespart, was finanziell und umwelttechnisch Sinn ergibt. Momentan sind wir mitten in der Testphase und kriegen hoffentlich heute unser 20. Zimmer.
Dann drücke ich dir die Daumen! Raphaël, merci viel mal für dieses spannende Gespräch.
Willst du auch mehr erfahren über den National Global Entrepreneurship Monitor? Der GEM 2020/21 ist nun online unter diesem Link verfügbar. Oder hast du auch eine innovative Geschäftsidee am Start? Dann kannst du dich ab sofort um den Lean Innovation Award 2021 bewerben! Es warten Preisgelder im Wert von 24’ooo.- auf dich.